Grüne Familienpolitik in unmodernen Zeiten?

Der grüne Ministerpräsident von Baden Württemberg, Winfried Kretschmann, hat in den letzten Tagen vor allem innerhalb der Grünen Partei dadurch in die Kritik geraten, dass er gelobt hat das die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen die klassische Ehe bevorzugen. Wir haben den Zeitpunkt genutzt und mit unserem Landtagskandidaten, Sebasten Pewny über grüne Familienpolitik gesprochen:

Ist der Kretschmann-Kurs die neue grüne Parteilinie?
Auf keinen Fall. Ich schätze Winfried Kretschmann sehr und der Gastbeitrag den er geschrieben hat, beinhaltet viele kluge Ansätze. Diesen Beitrag von ihm nun auf einen Satz zu beschränken ist nicht fair. Aber es gehört auch zur Wahrheit, dass Grüne Familienpolitik mehr als der Streit für verschiedene Ehemodelle ist.

Wie sieht Grüne Familienpolitik denn aus?
Für die Grünen muss Familienpolitik die individuellen Freiheiten aller Menschen gewährleisten. Der Staat soll allen die Wahlfreiheit und die nötige Unterstützung garantieren und auf keinen Fall festlegen, wie eine Familie aussieht und wie wir zu leben haben.

Das ist eine ganz schöne Abkehr von herkömmlichen Modellen, oder?
Ja sicher. Die heutigen Modelle taugen nicht mehr sehr viel. Viele Menschen sind nicht mehr in Glaubensstrukturen beheimatet und lehnen daher auch die christlich geprägte Verpartnerung in der Ehe ab. Wir brauchen eine familienpolitische Reform, denn jedem Menschen steht ein Familienleben nach seiner eigenen sexuellen Orientierung zu, ohne diskriminiert oder verurteilt zu werden.

Du sprichst von eine familienpolitischen Reform. Wie sieht diese deiner Meinung nach aus?
Meiner Meinung nach brauchen wir ein System, dass es Familien ermöglicht – unabhängig von Einkommen, Herkunft und sexueller Orientierung ein abgesichertes Leben zu führen. Dazu gehören Ergänzungsleistungen für Familien die von Armut betroffen sind, wie auch flexible Arbeitszeiten und Arbeitsmodelle. Aber auch Mechanismen wie die Lohngleichheit gehören dazu.

Was ist mit den Kindern?
Die müssen im Zentrum grüner Familienpolitik stehen. Kinder sind unsere Zukunft und allen Menschen, die sich entscheiden Verantwortung für Kinder zu übernehmen muss unser Respekt gehören. Ich kann nicht verstehen, wieso wir noch unterscheiden zwischen der heterosexuellen Ehe und anderen Lebenszusammenschlüssen. Es gibt viele Kinder die ohne Eltern aufwachsen und sich welche wünschen. Diesen den Wunsch aufgrund sexueller Orientierungen zu verwehren ist nicht richtig.

Also die Ehe für alle absolut gleichstellen?
Ich halte die Ehe für richtig, da sie bestimmte rechtliche Bestimmungen beinhaltet, welche den finanziell benachteiligten Partner schützt. Ob wir das in Zukunft Ehe nennen, oder ein anderes Instrument finden, welches dieses Recht garantiert ist mir egal.

Wie meinst du das mit dem finanziell benachteiligten Partner?
Ich meine damit, dass einer der Partner sich vielleicht entscheidet, im Interesse eines Kindes, längere Zeit zu Hause zu bleiben oder das angefangene Studium zurückstellt. Diese ideelle Aufopferung für die Familie hat einen großen Wert und im Falle eine Trennung entbindet das den anderen Partner nicht davon, diese Leistung in Form von Unterhaltszahlungen auszugleichen. Das halte ich für sehr wichtig!

Nochmal zurück zu Kretschmann. Ist es nun gut oder schlecht, dass die Mehrheit der Menschen sich für die klassische Ehe entscheiden?
Weder noch. Es ist derzeit so, weil vielen kaum etwas anderes übrig bleibt. Wir müssen aufhören die Ehe zu fördern und anfangen jene viel stärker zu fördern die sich für das Großziehen von Kindern  entscheiden, gleich welche sexuelle Orientierung die Eltern haben oder wie sie zusammenleben. Winfried ist mit seiner Meinung sicher noch in der Mehrheit, aber ich glaube gerade junge Menschen sind da viel liberaler und denen gehört die Zukunft.

Leben wir in unmodernen Zeiten?
Soweit würde ich nicht gehen. Ich sehe aber schon, dass der gesellschaftliche Hang zum Konservativen derzeit erstarkt. Ich halte es dennoch für notwendig unseren Kurs inhaltlich fortzusetzen, denn er wird nicht unrichtig nur weil diejenigen die dagegen sind lauter werden. Wir müssen die Erzählung fortsetzen und Menschen für unsere zeitgemäße Familienpolitik gewinnen. Die Gefahr des Zurückfallens sehe ich nur dann, wenn wir diese Erzählung nicht fortführen und weiterentwickeln.

Verwandte Artikel